Am 1. Mai 2011 habe ich auf dem Landsgemeindplatz meine erste öffentliche Rede ausserhalb des Grossen Gemeinderates von Zug gehalten.

„Wertschätzung spiegelt sich im Gehalt“

Über diese Schlagzeile bin ich letzthin gestolpert. Und blieb daran hängen. Das hiesse ja, je höher das Gehalt, desto mehr wird eine Person geschätzt und angesehen. Aber sollte nicht grundsätzlich alle Arbeit anerkannt und geschätzt werden?

Jede Arbeit soll gerecht bezahlt werden, dies trifft es meiner Meinung nach viel besser.

Nur was ist angemessen? Wie viel mehr leistet eine Person, die zehn Mal mehr verdient? Oder jemand der das 100-fache an Lohn erhält. Arbeiten wir anderen einfach zu wenig? Oder nicht effizient genug? Wie misst sich der Wert einer Arbeit? Wie gross darf die Lohnschere sein? Ist es vertretbar, wenn die Geschäftsleitung 50 mal mehr verdient als die Angestellten? Ist nicht das zwölf-fache, wie es die JUSO in ihrer Initiative 1:12 fordert, schon genug?

Dass Schuhe zu verkaufen nicht das Selbe ist wie einen Weltkonzern zu führen, leuchte ein. Aber tragen Herr und Frau Verwaltungsräte nicht auch Schuhe, die sie in einem Laden gekauft haben. Schlussendlich ist jede Arbeit wichtig und muss von jemandem gemacht werden. Wie werden wohl sonst die WCs sauber? Auch Villen müssen gemauert und gestrichen werden. Oder machen das die Reichen selber?

Bei den 30 grössten Schweizer Firmen erhielt 2010 der grösste der Abkassierer 19.95 Mio. Fr. Einige haben bis zu 57% mehr ergattert als 2009. Und wir? Hat jemand hier auch mindestens 3% Lohnerhöhung erhalten?

Aber sehen wir es mal von einer anderen Seite, was diese Menschen für eine Verantwortung tragen müssen! Ich weiss nicht, ob ich da noch ruhig schlafen könnte. Hochgerechnet vom Lohn übernehmen einige mehr als das 100-fache an Verantwortung wie ich. Das relativiert meine Arbeit gewaltig. Ist das, was ich leiste, wirklich weniger wert? Und geht das überhaupt, so viel Verantwortung? Muss nicht jede Person ihren Beruf zuverlässig ausüben?

Einige verdienen in einer Stunde mehr als andere als Monatslohn erhalten. Ist das gerecht? Wo bleibt die Wertschätzung der „gewöhnlichen“ Arbeit?

Meistens wenn eine Firma saniert werden muss, werden Arbeitnehmende entlassen und in der Führungsetage bleibt alles beim Alten. Dabei entscheidet doch genau diese über das Wohl des Betriebs. Wenn Fehler gemacht wurden, dann doch wohl da. Und beim Verwaltungsrat liesse sich auf einen Schlag viel mehr einsparen als bei den Arbeitnehmenden.

Wieso wird der Lohndruck immer nach unten weitergegeben? Wieso wird der Preisdruck immer auf dem Buckel der Schwächsten ausgetragen? Bei diesen kleinen Löhnen kann nichts mehr gespart werden.

Besonders „listige“ Firmen beschäftigen eine hohe Zahl an temporär Angestellten. Damit sind sie sehr flexibel und haben ein kleines Risiko. Sie können nach Belieben mit den Leuten verfahren. Diese haben keinerlei Sicherheit und leben mit der ständigen Angst den Job zu verlieren. Wo bleibt hier der Respekt?

Die Lohndifferenz zwischen Mann und Frau ist zwar etwas kleiner geworden. Aber leider ist es immer noch gängig, dass Mann mehr verdient als Frau. Und  die Statistik wird auch noch verzerrt, da gewisse Berufe mit kleinem Lohn fast nur von Frauen ausgeübt werden. Ist das gerecht? Ist Frauenarbeit nicht gleich viel wert?

In den Führungsgremien sind Frauen immer noch Mangelware. Dabei sind an den Universitäten mehr als die Hälfte der Studierenden weiblich. Wo stecken diese Frauen? Zu einem grossen Teil ist es sicher das leider immer noch ungenügende Kinderbetreuungsangebot. Wo ist hier die Gleichstellung? Ach, diese Kommission haben ja die Bürgerlichen im Kantonsrat Ende letzten Jahres abgeschafft!

Wenn jemand zu 100 Prozent arbeitet, soll sie oder er davon auch anständig leben können. Es darf nicht sein, dass nebst der Vollzeitstelle noch Nebenjobs angenommen werden müssen um genügend Geld zur Verfügung zu haben. Ein gesetzlich vorgeschriebener Mindestlohn macht daher sehr wohl Sinn. Und die mit der Mindestlohn-Initiative geforderten 4‘000.- Fr. sind sicherlich nicht zu hoch angesetzt. Ein Stundenlohn von 22.- Fr. ist jede Arbeit wert!

Die Studie des Schweizerischen Gewerkschaftsbund bringt es an den Tag, die Lohnschere geht immer mehr auseinander. Das Einkommen der Reichen wird immer grösser und das der Armen bleibt klein. Dadurch gerät das Gleichgewicht stark durcheinander. Und was das bedeutet, kann im Kanton Zug schon heute beobachtet werden.

Die niedrigen Steuern locken grosse internationale Firmen an. Und diese wiederum holen sich ihre qualifizierten Mitarbeitenden nach Zug. Die erhöhte Nachfrage treibt dann die Preise im Wohnungsmarkt in die Höhe. Und das bekommen dann die „normal“ Verdienenden zu spüren. Ein Haus oder eine Wohnung unter 1 Mio. Fr. ist schon gar nicht mehr auf dem Markt. Darunter leidet schlussendlich auch die Infrastruktur wie zum Beispiel die Feuerwehr, deren Personal Mühe hat, zahlbare Wohnungen zu finden. Steuerflüchtlinge und Millionärinnen engagieren sich nur selten für das Allgemeinwesen und die Normalbürger können sich das Wohnen in Zug immer weniger leisten.

Ein gerechter Lohn ist auch eine Anerkennung der geleisteten Arbeit. Und das Einhalten eines Mindestlohns Voraussetzung für ein anständiges Leben. In diesem Sinne appelliere ich an mehr Anstand und Respekt im Umgang miteinander.

Denn Wertschätzung spiegelt sich auch im Gehalt.